Auf dem Weg zur modernen Demokratie


Teilbereich Frühgeschichte

Der Weg zur modernen Demokratie gehört zu den außergewöhnlichsten Kapiteln unserer Geschichte. Die frühen deutschen Freiheitsbewegungen von der Französischen Revolution bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bieten spannende Einblicke in unsere demokratischen Traditionen. Grund- und Menschenrechte, Mitbestimmung, freie Wahlen, Parlamentarismus, Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit: Diese Elemente unserer Demokratie sind nicht selbstverständlich. Sie wurden über Jahrhunderte hinweg durch Organisationen sowie mutigen Einsatz allmählich errungen. Dabei ging es nicht nur um politische Prozesse im engeren Sinne, sondern auch um Politisierung, Demokratisierung, gesellschaftliche Teilhabe und Integration sowie um die Gleichberechtigung aller Menschen.

Die Entwicklung der Demokratie zeigt, wie sich Menschen in unterschiedlichen Situationen für deren Verwirklichung engagierten. Gleichzeitig kommen uns die Ziele der Freiheitsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts heute durchaus bekannt vor. Spricht man von Gleichberechtigung, sozialer Gerechtigkeit und politischer Beteiligung ist gar auf den ersten Blick kaum zu erkennen, ob es sich um historische Bestrebungen oder um ganz aktuelle politische Entwicklungen handelt. Das zeigt, dass die historischen Bestrebungen nichts an ihrer Aktualität eingebüßt haben.

Nicht immer war der Einsatz für diese Ideen von Partizipation und Gleichberechtigung erfolgreich. Er war vielmehr häufig von Rückschlägen und Widersprüchen geprägt. Doch es wäre falsch, an diese frühen demokratischen Experimente die gleichen Maßstäbe anzulegen wie an heutige Demokratien. Stattdessen sollten diese Freiheitsbewegungen aus ihrer eigenen Zeit heraus bewertet werden.

Die deutsche Demokratiegeschichte geht weiter zurück, als viele glauben. Von vormodernen Gehversuchen wie im Bauernkrieg bis zu den Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts verbreiteten sich die explosiven Ideen von Freiheit und Gleichheit. Wegbereiterinnen und Wegbereiter entzündeten eine Flamme, die sich nicht mehr löschen ließ.

Die Ausstellung im Stadtmuseum Weimar. Foto: Christian Faludi für die GEDG

Das Projekt

Neben ausführlichen Recherchen und der Zusammenstellung von Material zur Frühzeit der Demokratiegeschichte war das Hauptziel des Projektes die Erstellung einer Wanderausstellung. Die Schau möchte die frühen deutschen Freiheitsbewegungen stärker in die Öffentlichkeit tragen. Wichtig ist es dabei, dass neben der Fachwissenschaft auch bildungspolitische Multiplikatoren, Lehrkräfte und Erinnerungs- wie auch Lernorte der Demokratiegeschichte mit eingebunden werden. Über die Vermittlung dieses spannenden Aspekts der deutschen Geschichte soll ein breitenwirksames Verständnis für die Frühzeit der Demokratiegeschichte, demokratische Traditionen und den Wandel der erinnerungspolitischen Wahrnehmung dieser Geschichte geschaffen werden.

Die Wanderausstellung nimmt uns mit auf eine Reise in die Frühzeit der Demokratie. Sie startet diese Reise bewusst bereits mit den ersten vormodernen Freiheitsbewegungen. Das antike Griechenland mit seinen Gemeinschaften von freien und gleichen Bürgern – nicht Bürgerinnen – war für viele Philosophen und Gelehrte in der Aufklärung und im 19. Jahrhundert ein wichtiges Vorbild. Und wenn auch hier noch nicht von Demokratie im heutigen Sinne gesprochen werden kann, repräsentieren stadtbürgerliche Eliten im Mittelalter, Vereinigungen wie die Hanse im 14. Jahrhundert und Ereignisse wie die Bauernkriege im 16. Jahrhundert durchaus erste Vorboten der Freiheitsbewegungen.

Diese frühen Entwicklungen zeigen, dass allgemein anerkannte Eckpfeiler der Demokratiegeschichte, wie die Aufklärung und die Französische Revolution 1789, durchaus nicht aus einem luftleeren Raum entstanden. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen, beispielsweise Bildung und die Leserevolution, spielten dabei eine ebenso große Rolle wie die Ereignisse der Revolutionen in England, Amerika und Frankreich.

Kuratorin Sarah Traub bei der Vernissage der Ausstellung im Landtag Rheinland-Pfalz. Foto: A. Linsenmann für Landtag Rheinland-Pfalz

Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts begegnen uns die ersten modernen Demokratieversuche auf deutschem Boden. Mit der Bergzaberner und der Mainzer Republik 1792/93 sowie der Cisrhenanischen Bewegung und Republik 1797 erreichten die Ideen der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit endgültig die deutschen Länder. Um Massenbewegungen eines Großteils der Bevölkerung handelte es sich dabei noch nicht. Auch waren sie nicht frei von Widersprüchen, doch spielten die Entwicklungen am Rhein und in der Südpfalz eine herausragende Rolle für die Entwicklung bürgerlicher Emanzipation und den Kampf um demokratisches Mitspracherecht. Ihre Bedeutung für die Demokratiegeschichte liegt in ihren gesellschaftlichen und politischen Impulsen, die weit über ihre eigentliche Dauer hinauswirkten.

Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts folgte eine unvergleichliche Phase des Wandels und des Umbruchs. In den spätestens ab 1797 langfristig französisch besetzten linksrheinischen Gebieten war dieser Wandel besonders präsent. Die Leibeigenschaft wurde aufgehoben und alle Bürger wie auch die Bürgerinnen wurden gleichgestellt. Mit der Einführung der Gewerbefreiheit ging die Auflösung der Zünfte einher. Geburten, Hochzeiten und Todesfälle wurden nun in zivilen Registern festgehalten. Selbst die Zeit wurde an französische Verhältnisse, das heißt den Revolutionskalender, angepasst. Ein Monat bestand nun aus drei Dekaden mit zehn Tagen.  Öffentliche Geschworenengerichte sorgten für Gleichheit vor dem Gesetz – auch für die jüdische Bevölkerung. All das leitete einen enormen politischen Modernisierungsschub ein.

Parallel erfolgte ein gesellschaftlicher Modernisierungsschub durch Neuerungen in den Bereichen Kommunikation, Verkehr – Dampfschifffahrt und Eisenbahn – neue soziale Strukturen durch den Wegfall der Leibeigenschaft und Veränderungen in der Erwerbsstruktur.

Co-Kurator Alexander Maser erklärt die Medienstation. Foto: Christian Faludi für die GEDG

Nach den Befreiungskriegen und der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress 1814/15 gaben sich die deutschen Fürsten mit der restaurativen Politik große Mühe, viele dieser Entwicklungen wieder rückgängig zu machen. Die Furcht vor weiteren Revolutionen und einem Machtverlust waren dabei wichtige Faktoren. Bestimmend für die Zeit des Vormärz war das Aufeinandertreffen alter Herrschaftsansprüche und neuer Ideen. Die Ergebnisse des Wiener Kongresses und die strengen Unterdrückungsgesetze waren eine Absage an die Forderungen liberaler Kräfte nach modernen Verfassungen, bürgerlicher Gesetzgebung und einem deutschen Nationalstaat. Doch die Ideen der Französischen Revolution, der Wunsch nach Mitspracherecht und Reformen blieben in den Köpfen vieler Menschen bestehen. Durch die Festlegung auf die Politik der Restauration im Deutschen Bund entstand eine Kluft zwischen der liberal-demokratischen Bewegung und den konservativen Kräften.

Diese Kluft war in den linksrheinischen Gebieten besonders präsent. Die Regionen blieben lange von der französischen Besatzungszeit geprägt. Hier kämpften die Einwohner nach der napoleonischen Zeit und der Zuteilung zu neuen deutschen Landesherren auf dem Wiener Kongress um den Erhalt der »Rheinischen Institutionen«, wie die freiheitlichen Gesetze aus französischer Zeit nun genannt wurden – und das lange erfolgreich. Die preußische Rheinprovinz, die Pfalz und Rheinhessen besaßen dadurch über Jahrzehnte auf staatsrechtlicher Ebene eine Sonderstellung. Im Schutze dieser Rheinischen Institutionen entwickelte sich eine besonders starke liberale Bewegung in diesen Regionen.

Die französische Julirevolution 1830 und die darauffolgenden Unruhen in vielen europäischen (und deutschen) Regionen brachten den Konflikt zwischen Alt und Neu besonders deutlich zutage. Das Erstarken des Bürgertums und das wachsende Engagement für Freiheitsrechte, Mitspracherecht (etwa in den Landständen) nach der Revolution von 1830 führte in seiner Mischung aus sozialem Protest und politischen Forderungen zu wichtigen Zugeständnissen der Fürsten und einem erneuten Modernisierungsschub in Politik und Gesellschaft.

Nach der Revolution 1830 entwickelte sich dadurch eine immer breiter aufgestellte Oppositionsbewegung gegen die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse. Das Sprachrohr der Opposition waren zum einen die Abgeordneten in den Landtagen und zum anderen die Presse. Doch der Einfluss der Abgeordneten unterlag vielen Schranken. Auch die liberale Presse wurde nach 1830 vermehrt zum Ziel von Unterdrückungsmaßnahmen wie Zensur, Beschlagnahmung und Schließung von Druckereien. Als neues Forum der politischen Meinungsbildung entwickelte sich nun die öffentliche Festkultur: In den 1830er Jahren gab es dutzende Volksfeste mit politischem Charakter.

Foto: Christian Faludi für die GEDG

Das bekannteste dieser Feste fand im heutigen Rheinland-Pfalz statt. Am 27. Mai 1832 versammelten sich auf dem Hambacher Schloss rund 25.-30.000 Menschen um ein Fest für die »Erstrebung gesetzlicher Freiheit und deutscher Nationalwürde« (also Bürgerrechte und ein deutscher Nationalstaat) zu feiern. Das Hambacher Fest war für die liberale Bewegung und deren Forderungen in ganz Deutschland von enormer Tragweite.

Dazu gehörte auch eine Professionalisierung der Bewegung durch Zusammenschlüsse wie Vereine und Gesellschaften. Mit dem »Deutschen Vaterlandsverein zur Unterstützung der freien Presse« entwickelte sich erneut in der Pfalz ein früher Prototyp moderner Parteienorganisation. Auch in der Frauenbewegung ist diese Entwicklung zu erkennen. Anders als bei den überwiegend wohltätig ausgerichteten Vereinigungen von Frauen in den 1810er und 1830er Jahren entwickelte sich in den 1840er Jahren zunehmend eine politische Frauenbewegung. Ab 1848 entstanden viele Demokratische Frauenvereine. Im Vordergrund standen dabei neben den Grundprinzipien der Menschenrechte die Themen Gleichberechtigung und politische Bildung. Sozialreformer und frühe Gewerkschaften setzten sich zudem für eine verbesserte wirtschaftliche und soziale Lage der Bevölkerung ein.

All diese Entwicklungen gipfelten schließlich Mitte des 19. Jahrhunderts erneut in einer Revolution. Die Revolution 1848/49 war der Ausdruck eines gesamteuropäischen Wandlungsprozesses, dessen Auswirkungen überall in Europa zu spüren waren. Der republikanische Wind aus Frankreich führte in den deutschen Ländern zu Zusammenkünften, Demonstrationen und der Formulierung der sogenannten Märzforderungen, darunter nach umfassenden Freiheitsrechten und einem deutschen Nationalstaat.

Schließlich wurden die Wahlen für eine deutsche Nationalversammlung vorbereitet. Ab Ende April 1848 durfte ein Großteil der volljährigen männlichen Bevölkerung der deutschen Einzelstaaten die Nationalversammlung wählen – Frauen waren von der Wahl ausgeschlossen. Am 18. Mai 1848 zogen die gewählten Volksvertreter zu ihrer ersten Sitzung in den Tagungsort in Frankfurt am Main ein – die Paulskirche. Zu den wichtigsten Errungenschaften der Nationalversammlung gehörte die Verabschiedung einer Reichsverfassung und die Formulierung der Grundrechte des deutschen Volkes. Doch die Paulskirchenversammlung scheiterte bekanntermaßen und endete mit der Reichsverfassungskampagne und revolutionären Kämpfen – vorwiegend in Baden und in der Pfalz.

Perspektiven

Trotz der Widersprüchlichkeit der frühen modernen Demokratiegeschichte bilden die Erfahrungen des ausgehenden 18. und 19. Jahrhunderts heute die Traditionen, die Zusammenhalt stifteten und unsere gegenwärtige Demokratie stärken. Im Verständnis für die Wurzeln des Strebens nach Partizipation liegt die Motivation für demokratisches Engagement heute und in der Zukunft. Die Erinnerung an demokratiegeschichtliche Ereignisse, Personen, Orte stärkt das freiheitlich-demokratische Europa, fördert die Bereitschaft zur aktiven Mitgestaltung der demokratischen Gesellschaft und belebt unsere demokratischen Wurzeln als positiven Fixstern der deutschen Geschichte. Die Ausstellung soll dazu beitragen, diesen Blick auf die frühen Freiheitsbewegungen zu stärken. Sie soll für die Demokratiegeschichte begeistern und spannende Einblicke in unsere demokratischen Traditionen ermöglichen.

Die Ausstellung im Stadtmuseum Weimar. Foto: Christian Faludi für die GEDG

Die Ausstellung

Die Ausstellung möchte Schülerinnen und Schüler sowie alle Bürgerinnen und Bürger für die Geschichte der deutschen Freiheitsbewegungen interessieren. Sie ist zur Präsentation in Schulen, Museen, Ausstellungshäusern und an anderen öffentlichen Orten geeignet. Ein Multimediatool, das zusätzliche Informationen und einen tieferen Einstieg in verschiedene Themen ermöglicht, ergänzt die Schau. Einen Überblick über die geplanten Ausstellungsorte finden Sie hier.

Ausstellungsbereiche

  • Die deutsche Demokratiegeschichte
  • Frühe Freiheitsbewegungen
  • Startschuss für die demokratische Gesellschaft
  • Erste Demokratieversuche am Rhein und in der Südpfalz
  • Zeit des Wandels: Die französische Zeit 
  • Die »moderne« Gesellschaft
  • Zurück zur Monarchie. Europäische Neuordnung
  • Restauration und Vormärz
  • Die Julirevolution 1830 und ihre Auswirkungen
  • Die politischen Feste der 1830er Jahre
  • Frühformen politischer Parteien und Organisationen
  • Sozialreform oder Revolution?
  • Auf die Barrikaden: Die Revolution 1848/49
  • Von der Revolution zur Nationalversammlung und zurück
  • Demokratie hat eine Geschichte in Deutschland
  • Demokratie heute und morgen

Auf einen Blick

  • 16 Ausstellungstafeln, freistehend je 4×4 Tafeln (keine Hängevorrichtung benötigt)
  • 1 Multimedia-Station (220 V Stromanschluss benötigt)
  • ca. 25 qm Stellfläche

Kosten und Transport

  • keine Leihgebühren
  • Maße der Transportkiste: 80 cm (B) x 210 cm (L) x 170 cm (H)
  • Die Transportkiste besitzt Räder und kann geschoben werden.
  • Für den Transport wird ein LKW oder Transporter mit Ladebordwand benötigt.
  • Die Transportkosten über einen Speditionsdienst belaufen sich auf ca. 100–150 EUR und können in Absprache ggf. entfallen.