Wartburg-Fest der Demokratie: Tagung

Die im zweijährigen Rhythmus stattfindende wissenschaftliche Tagung beleuchtet die demokratiegeschichtlichen Traditionen der Wartburgfeste. Dazu wird sie sich im Herbst 2026 unter dem Thema „Nation und Freiheit“ der staatlichen Neuordnung und politischen Partizipation in Europa von den 1850er bis zu den 1870er Jahren widmen.

Die Tagung stellt sich die Frage, wie die politischen Bewegungen der 1850er und 1860er Jahre mit den Partizipationsversprechen der Revolution von 1848/49 umgegangen sind und ob oder wie die Neuordnungen der Staaten die Ideen von Freiheit und Nation in Einklang brachten. Die Verfassungen der Revolutionszeit von 1848/49 mit ihren Mitbestimmungsrechten wurden vielfach beseitigt, eingeschränkt oder autoritär umgeformt. Die Nationalstaatsgründungen in Italien und Deutschland von 1861 und 1871 gelten demgemäß als autoritäre Gründungen „von oben“, bei denen vor allem die Monarchien, das Militär und die Diplomatie eine wichtige Rolle spielten. Mit dem Wiederaufleben der Nationalbewegungen besonders in Deutschland, Italien und der Habsburgermonarchie seit Mitte der 1850er Jahre wurde jedoch erneut über die Versöhnung der angestrebten Nationalstaatsgründungen mit politischen Freiheitsrechten nachgedacht und debattiert. Aber auch mit den Chancen der Reform föderaler Ordnungsmodelle, wie jene des Deutschen Bunds, oder der imperialen Herrschaftsordnung der Habsburger-Monarchie, setzten sich die Zeitgenossen intensiv auseinander. In Frankreich wiederum verstärkte sich in den 1860er Jahren die Kritik liberaler Eliten am autoritären Regierungsstil von Kaiser Napoleon III., die auf eine Erweiterung der politischen Mitbestimmung zielte und schließlich in die Gründung der Dritten Republik mündete.
Handelte es sich in Deutschland, Italien und Frankreich um autoritäre Staatsgründungen „von oben“, die von herrschenden Eliten dominiert wurden, oder prägten auch demokratische Bewegungen und Kräfte „von unten“ die Schaffung und Entwicklung der neuen politischen Ordnungen? Welche Auffassungen von der Nation und der Freiheit setzten sich in Europa in der Epoche von den 1850er bis in die 1870er Jahre durch? Boten multinationale Staatsordnungen eine Alternative? Welche politischen und sozialen Gründe waren für die Entwicklung und die Chancen zur Gestaltung des konkreten Verhältnisses von Nation und Freiheit in Deutschland, Italien, Frankreich und im Habsburgerreich ausschlaggebend?

Mit den Leitfragen, welche Ideen für die nach-revolutionäre Neuordnung der europäischen Staaten verfochten wurden und unter welchen Bedingungen sowie in welchem Maße die modernen Staatsordnungen den breiten Bevölkerungsschichten in Europa tatsächlich reale Partizipationschancen eröffneten, gibt die Tagung einerseits den aktuellen Debatten in den historischen Wissenschaften, insbesondere der Nationalismus-Forschung und der Demokratiegeschichte, innovative Impulse, andererseits befasst sie sich mit einem politischen Grundproblem, das für die europäische Gegenwart von größter Relevanz ist.

Die Tagung befasst sich in europäischer und regional vergleichender Perspektive mit den Entwicklungen in Deutschland, Italien, Frankreich und der Habsburger Monarchie. Dabei sollen die politischen Vorstellungen der herrschenden Eliten ebenso in den Blick genommen werden wie jene der demokratischen Bewegungen „von unten“ oder auch der Gegner der Nationalstaatsgründungen bzw. politischen Neuordnungen, denn das Verhältnis von Nation und Freiheit in den beiden Jahrzehnten nach der Revolution von 1848/49 ergab sich erst aus deren nicht selten konflikthaftem Zusammenspiel. So werden sich die Sektionen der Tagung mit verschiedenen politischen Ordnungsentwürfen und den gesellschaftlichen Bewegungen befassen, welche die Debatten, aber auch die politischen Entscheidungsprozesse über die konkrete politische Gestaltung der staatlichen Neuordnungen prägten. Damit eröffnet die Tagung neue Perspektiven für die vergleichsweise wenig erforschte Zeit zwischen der Revolution von 1848/49 und den Nationalstaatsgründungen zwischen 1859 und 1871.
Die Ergebnisse der Tagung sollen in einem Tagungsband dokumentiert werden.

Das Forschungsprogramm der Tagung wird in vier Sektionen umgesetzt:
1. Postrevolutionäre Ordnungsmodelle
In dieser Sektion sollen Modelle oder Pläne für die politische Neuordnungen der Staaten, Verfassungsvorstellungen und Nationalstaatspläne untersucht werden, die nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 entwickelt wurden. Die Spannbreite reichte vom autoritären Bonapartismus über demokratische oder liberale Modelle föderaler oder zentralistischer Nationalstaaten bis hin zu Ideen eines revolutionären Umsturzes.

2. Bündnisse und Partizipationschancen
Die Initiativen und Entwicklungsprozesse in den beiden Jahrzehnten nach 1848/49 beruhten auf Bündnissen unterschiedlicher gesellschaftlicher und politischer Kräfte, deren konkrete Konstellationen die Handlungsspielräume der Akteure und demokratische Partizipationschancen breiter Bevölkerungsschichten ermöglichten, erweiterten oder auch eingrenzten. In der Sektion werden in vergleichender Perspektive die Bündnisse von Monarchen, Nationalbewegungen, Parteien oder auch gesellschaftlichen Oppositionsbewegungen (Demokraten, Sozialisten, bewaffnete Aktivisten bzw. Milizen oder kirchennahe Gruppierungen) in den Blick genommen.

3. Arenen der Partizipation
In den 1850er und 1860er Jahren entfalteten sich neue Arenen der politischen Partizipation, welche die Chancen auf die Erlangung von mehr politischer Freiheit erhöhten (Demonstrationen, Straßenpolitik, Wahlkampagnen, Streiks, Parteien, Formen der Öffentlichkeit etc.), deren Aufkommen von den Eliten allerdings häufig als Bedrohung wahrgenommen wurden. Überdies entwickelten sich politische Institutionen weiter, namentlich die Parlamente, die bislang von Eliten bestimmt worden waren, sich nun aber etwa aufgrund von Wahlrechtsreformen öffneten. In der Sektion soll die Bedeutung des Wandels der politischen Arenen für die 1850er und 1860er Jahre diskutiert werden.

4. Internationales System und Prozesse politischer Mobilisierung
Die Entwicklung des Verhältnisses von Freiheit und Nation in den postrevolutionären Staaten Europas war mit der Entwicklung der internationalen Politik eng verbunden. Die Chancen auf Realisierung nationalstaatlicher Ordnungsmodelle hing in den 1850er und 1860er Jahren erheblich von äußeren machtpolitischen Konstellationen ab, doch auch deren Wahrnehmung und Bewertung in der Öffentlichkeit und in den Parteien wirkte auf die Durchsetzungschancen spezifischer Ordnungsmodelle von Freiheit und Nation zurück. In der Sektion sollen die entsprechenden Konstellationen in Deutschland, Frankreich, Italien und dem Habsburgerreich vergleichend analysiert werden.

Die Tagung wird veranstaltet von der Gesellschaft zur Erforschung der Demokratie-Geschichte in Kooperation mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Sie ist zugleich Teil des Wartburg–Fests der Demokratie, das mit einer Festveranstaltung und dem einem internationalen Studierendenforum zur Zukunft der Demokratie vom 12. bis 18. Oktober 2026 in Eisenach stattfindet.

Datum

24. September 2026 26. September 2026

Uhrzeit
ganztags
Ort